8. JungslavistInnen-Treffen 1999 in München

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VIII. JungslavistInnen-Treffen 1999 in München

Linguistische Beiträge zur Slavistik. VIII. JungslavistInnen-Treffen München 1999. Hg. Florence Maurice und Imke Mendoza. München: Sagner 2000 (= Specimina Philologiae Slavicae 131). 218 Seiten. ISBN 3-87690-785-3.

Name Titel Seite
Florence Maurice und Imke Mendoza Vorwort 1
Thomas Daiber Randbemerkung zu Tors’kyjs Übersetzung der »Vier Bücher vom Wahren Christentum« 5–20
Horst Dippong Fragmente einer deskriptiv-quantitativen Oberflächensyntax des Russischen: Formen des nicht-einfachen Satzes 21–41
Anja Grimm Wie das Andere zum Feind wird. Zur Verbalisierung von Feindbildern. 43–63
Robert Hammel Stockung und Reparatur im Redefluß 65–80
Björn Hansen Ausdrücke der Möglichkeit im Russischen 81–94
Marion Krause Dialekte am Choper: ein Expeditionsbericht 95–111
Holger Kuße »Ich liebe Konkurrenz« – Argumente in tschechischer Anzeigenwerbung 113–128
Anke Levin-Steinmann Die semantischen Leistungen des bulgarischen l-Partizips 129–144
Irina Levontina Abschlusspartikeln im Russischen und Deutschen (das russische a?) 145–153
Doris Marszk Koinzidenz und Granularität – ein linguistischer Lösungsansatz für ein philosophisches Problem 155–165
Florence Maurice Haiюшки und баюшки: Einige Besonderheiten der russischen synchronen Online-Kommunikation 167–182
Imke Mendoza Singular, Plural und generische Referenz im Polnischen 183–196
Katrin Unrath-Scharpenack Mlčet, smlčet, odmlčet se – Sprechen über das Schweigen 197–215

Tagungsbericht von Florence Maurice und Imke Mendoza

Das VIII. JungslavistInnen-Treffen fand dieses Jahr in München in den Räumen des St. Pius-Kollegs statt. Für die Organisation des Treffens waren Florence Maurice (Langenscheidt KG) und Imke Mendoza (Institut für Slavische Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München) zuständig.

Die JungslavistInnen sind ein Kreis von NachwuchswissenschaftlerInnen, die sich seit 1992 alljährlich im Herbst zu Arbeitstagungen treffen, um die Ergebnisse ihrer Forschung auf den verschiedensten Gebieten der slavistischen Linguistik zu präsentieren und zu diskutieren.

Wie jedes Jahr wurde auch dieses Mal ein breites Spektrum slavischer Sprachen untersucht und linguistischer Theorien vertreten. Der nun folgende Tagungsbericht weicht von der chronologischen Reihenfolge der Vorträge ab und unternimmt eine thematische Strukturierung. Dieses Jahr stellten die Semantik und angrenzende Gebiete einen Schwerpunkt dar: die Palette der untersuchten Wortarten reichte hierbei von Verben über Nomen bis zu Partikeln.

Zur russischen Verbsemantik sprach Tanja Anstatt. Sie beschäftigte sich mit »Semantischen Gruppen abgeleiteter Stativa« (z.B. mal’čik uže čitaet). Während in der Aspektologie in der Regel nur die Typen ›usuell‹ (bzw. ›habituell‹) und ›potentiell‹ angegeben werden, stellte Anstatt in ihrem Vortrag die Gruppen ›Beruf‹, ›Gewohnheit‹, ›Recht/Erlaubnis‹, ›Verpflichtung‹, ›Fähigkeit‹ und ›Beschaffenheit‹ (letztere mit weiteren Untergliederungen) auf. Um diese mit einem operationalisierbaren Verfahren ermitteln zu können, wurden Explikationen und ein mit grafischer Darstellung anschaulich gemachtes Analyseverfahren vorgeschlagen.

Ebenfalls aus dem Bereich der Verbsemantik stammt Doris Marszks Theorie zur Granularität. In ihrem Vortrag »Granularität und Koinzidenz« stellte sie das handlungsphilosophische Problem vor, ob mit Sätzen der Art: »Die Königin tötete den König, indem sie ihm Gift ins Ohr träufelte« eine oder zwei Handlungen beschrieben werden. Sie präsentierte eine Lösung aus der Linguistik: mit der lexikalischen Kategorie der Granularität lässt sich (übereinzelsprachlich) zeigen, dass eine Handlung vorliegt, wobei diese jedoch jeweils mit verschiedener Körnigkeit dargestellt wird.

Um die Semantik des l-Partizips ging es Anke Levin-Steinmann in ihren Untersuchungen zum Bulgarischen (»Die semantischen Leistungen des bulgarischen l-Partizips«). Sie unternahm es zu zeigen, dass das bulgarische l-Partizip ein konstantes semantisches Merkmal aufweist, das sich als ›Zustandsbeschreibung einer Person oder eines Gegenstandes‹ umschreiben lässt. Dieses Merkmal extrahierte sie anhand des l-Partizips außerhalb der periphrastischen Konstruktionen und zeigte dann, dass es auch die Basis der entsprechenden analytischen Tempora mit ihren Funktionen bildet.

Ein Beitrag zur Referenzsemantik aus dem nominalen Bereich war Imke Mendozas Vortrag »Singular, Plural und generische Referenz im Polnischen«. Sie zeigte, dass bei generischen Nominalgruppen (NG) im Polnischen die Numerusopposition nicht, wie oft behauptet wird, neutralisiert ist, sondern dass der Numerus von formalen (»Numeruskongruenz« verschiedener NGs innerhalb des Satzes) und inhaltlich-semantischen Faktoren abhängt. Sind letztere Faktoren für die Numeruswahl verantwortlich, wird der Singular Mendoza zufolge dann verwendet, wenn die Elemente der entsprechenden Klasse typisiert werden sollen. Der Plural hingegen kommt vor, wenn eine solche Typisierung nicht möglich oder irrelevant ist, also lediglich die Klassenzugehörigkeit eine Rolle spielt.

Björn Hansen hielt einen Vortrag zum Thema »Ausdrücke der Möglichkeit im Russischen«. In seinem Beitrag schlug er eine Klassifikation der Ausdrücke für die semantisch nicht zerlegbare Komponente KANN vor. Auf der Basis des breiten Spektrums an Ausdrucksmitteln, die dem heutigen Russischen zur Verfügung stehen, nannte er einige historische Entwicklungen, die der allgemeinen Tendenz zur Intellektualisierung entsprechen.

Um die Semantik von Partikeln ging es Irina Levontina (»Abschlusspartikeln im Russischen und Deutschen«). Abschlusspartikeln sind Partikeln, die der Sprecher am Ende des Satzes oder eines Teils hinzufügt, um den Kontakt zum Adressaten zu verstärken und um zu kontrollieren, ob er mit seinem Sprechakt Erfolg hatte. Die Intonation dieser Partikeln ist normalerweise interrogativ oder semi-interrogativ (vgl. russ. a?, da?, deutsch, gell, nicht? , engl. o.k.?, ital. eh! usw.). Levontina schlug eine Bedeutungsexplikation (tolkovanie) ausgewählter Partikeln vor.

Den Bereich der Semantik verlassen wir mit Florence Maurice’ Beitrag über die Kommunikation im Internet (»Hajuški und bajuški – Einige Besonderheiten der russischen synchronen Online-Kommunikation«). Nach einem allgemeinen Überblick über die Merkmale der Online-Kommunikation zeigte sie, wie in der russischen synchronen Online-Kommunikation Abweichungen von der schriftsprachlichen Norm bewusst eingesetzt werden. Sie stellte fest, dass sie einerseits als Sprachspiel und andererseits zur Simulation von Mündlichkeit dienen.

Mit einem Phänomen nicht der simulierten, sondern der echten Mündlichkeit beschäftigte sich Robert Hammel. In seinem Vortrag »Stockung und Reparatur im Redefluss« beschrieb er unter Bezug auf A. E. Hieke zwei Strategien der Sprachproduktion in gesprochener russischer Sprache. Während Stockungen als prospektives Verfahren der weiteren Planung der Äußerung dienen, greifen Reparaturen als retrospektives Verfahren in bereits geäußerte Teile der Äußerung ein.

Die folgenden Beiträge beschäftigen sich mit pragmatischen und textlinguistischen Problemen im weitesten Sinne.

In ihrem Vortrag »Mlčet, srnlčet, odmlčet se – Sprechen über das Schweigen« setzte sich Katrin Unrath-Scharpenack damit auseinander, wie in neuerer tschechischer belletristischer Literatur von Gesprächspartnern und von Erzählern über das Schweigen gesprochen bzw. wie es empfunden wird. Die Versprachlichung des Schweigens in diesem Korpus zeigt, dass es als unproblematisch wahrgenommen wird, wenn es ein konventionelles ist, denn dann empfinden die Gesprächspartner Schweigen nicht als kommunikatives Versagen. In Situationen jedoch, in denen Schweigen nicht konventionell ist, in denen also Sprechen erwartet wird, gilt es meist als Ausdruck eines Kommunikationsversagens und wird als unangenehm empfunden.

Anja Grimm beschäftigte sich in ihrem Beitrag »Wie das Andere zum Feind wird. Zur Verbalisierung von Feindbildern« mit der Schaffung und Manifestierung von Vorurteilen und der Ausgrenzung und Abwertung des Anderen mittels der Darstellung als Feind. Das »Kreieren und verbale Zeichnen von Feindbildern« dient Grimm zufolge dem Transport, aber auch der Verschleierung aggressiver Inhalte. Als Korpus verwendete sie Texte V. V. Žirinovskijs, des Vorsitzenden der Liberal-demokratischen Partei Russlands.

Holger Kuße (»›Ich liebe Konkurrenz‹. Argumente in tschechischer Anzeigenwerbung«) untersuchte tschechische Anzeigenwerbung aus Illustrierten. Er analysierte sie zum einen in den Kategorien des Praktischen Schließens und zeigte die Realisierung praktischer Syllogismen in der Evokation von Konklusionen oder Prämissen auf der Textebene. Zum anderen wurden als Mittel, die der Erregung von Aufmerksamkeit dienen, paradoxe Topoi und doppelte Referenzen bzw. Denotationen herausgearbeitet. Diese Verfahren lassen sich nicht nur in den sprachlichen Werbetexten, sondern auch in Text-Bild-Zusammenhängen innerhalb von Werbeanzeigen finden. Abschließend stellte er die Frage nach den Spezifika tschechischer Werbung.

Einen Beitrag zur Übersetzungstheorie und zur Kulturgeschichte lieferte der Vortrag von Thomas Daiber »Zu Todors’kyjs Übersetzung des ›Wahren Christentums‹«. Er zeigte anhand der Begrifflichkeit für »Bild, Abbildung usw.«, wie in Simeon Todors’kyjs Übersetzung von Johann Arndts »Wahrem Christentum« (Halle 1735) der pietistische Gehalt im Sinne des Russisch-Orthodoxen umgefärbt wird.

Mit einem Sprachwandelphänomen beschäftigte sich Edgar Hoffmann in seinem Beitrag »Onymischer Wandel«. Hoffmann zufolge ist onymischer Wandel in den slavischen Gegenwartssprachen zuallererst Funktionswandel auf Makroebene. Er betrifft das Namensystem insoweit, als dass grundlegende Veränderungen der Namenfunktionen und der Namenbenutzung (Namengebung, Namenveränderung) von einer Ausweitung des onymischen Raumes auf neue Namenklassen begleitet sind. Die Hinzufügung bzw. verstärkte Gewichtung der informierenden, werbenden, sozialisierenden und ehrenden Namenfunktion zur elementaren identifizierenden, differenzierenden Funktion von Onymen bedingt einen Wandel auf Mikroebene. Dieser Mikrowandel umfasst Veränderungen insbesondere auf morphologischem, lexikalischem und stilistischem Gebiet.

Beiträge zur Syntax lieferten Roland Meyer, Uwe Junghanns und Horst Dippong. Meyer (»Zur Verbstellung im Obersorbischen«) untersuchte auf der Basis von Zeitungs- und Vortragstexten die Regularitäten der Verbstellung im heutigen Obersorbischen. Sein Ziel war dabei in erster Linie eine einzelsprachliche Beschreibung der Verhältnisse im Obersorbischen und weniger eine Darstellung der in diesem Bereich als besonders stark geltenden Beeinflussung durch das Deutsche.

Uwe Junghanns beschrieb seine »Strategien der Fokussierung in einigen slavischen Sprachen« im Rahmen eines formalen Modells Chomskyscher Prägung. Als Ausgangspunkt diente ihm die Tatsache, dass in Sprachen mit sogenannter freier Wortstellung Hintergrund-Material in der Regel früher geäußert wird als Fokus-Material. Dies schlägt sich in der linearen Ordnung des Deklarativsatzes so nieder, dass sich die Fokus-Domäne und der darin enthaltene Fokus-Exponent (FE) rechtsperipher befinden. Die Einhaltung dieses Detaill-Prinzips für Fokus-Realisierung lässt sich auch in den slavischen Sprachen beobachten, daneben kommen aber auch eine Reihe von Fällen mit nicht-rechtsperipherem Fokus-Exponenten (NRP FE) vor. Junghanns zeigte in seinem Beitrag anhand von Material aus dem Obersorbischen, Bulgarischen, Russischen und Tschechischen, dass NRP FE verschiedene Ursachen hat: eine spezifische Basisordnung der Konstituenten, die Realisierung von Kontrastfokus, die klitische Verdoppelung einer rechtsperipheren XP, die frühe Bewegung eines Argumentes sowie die spezifische Nutzung der rechten Peripherie als Hintergrund-Domäne.

Horst Dippong stellte in seinem Beitrag »Fragmente einer Oberflächensyntax des Russischen. Die hierarchisch-lineare Organisation des Interpunktorischen Satzes« ein Verfahren vor, mit dem sowohl die hierarchische wie die lineare Struktur nicht-einfacher Sätze darzustellen ist. Dieses Verfahren scheint sowohl für die Beschreibung unterschiedlicher Komplexität verschiedener Textsorten wie auch zur Analyse größerer Korpora hilfreich zu sein. Erste empirische Untersuchungen russischer Teilkorpora scheinen auf folgende Tendenzen hinzuweisen: (1) Nebensätze nehmen eine periphere, d. h. entweder die erste oder die letzte Satzgliedposition ein; (2) Nebensätze werden dem ersten autosemantischen Wort eines Hauptsatzes zumeist nach- und nur sehr selten vorangestellt; (3) ein untergeordneter und der diesem übergeordnete Teilsatz dürfen nicht durch einen dem übergeordneten Teilsatz nebengeordneten Teilsatz getrennt sein.

Aus der Praxis der Feldforschung berichtete Marion Krause in ihrem Vortrag »Die Dialekte am Choper: Bericht über eine Expedition ins Gebiet Volgograd«. Neben den Methoden der Materialerhebung und -aufbereitung stellte sie ausgewählte dialektale Besonderheiten der Region am Choper und am mittleren Don vor, eine Region, die in den dialektologischen Atlanten des Russischen bisher nicht systematisch erfasst wurde.

Die Beiträge des diesjährigen JungslavistInnen-Treffens werden, wie auch die Beiträge der vorherigen Tagungen, von den Veranstalterinnen in einem Sammelband herausgegeben. Er soll im Herbst 2000 erscheinen. Zum ersten Mal wird der Band in der regulären Reihe der Specimina veröffentlicht, nachdem die Beiträge der Treffen von 1992 und 1993 als Bände des Wiener Slawistischen Almanachs publiziert wurden und die Beiträge der Treffen 1994–1998 als Supplementbände der Specimina Philologiae Slavicae erschienen sind bzw. erscheinen werden.

Die Inhaltsverzeichnisse der einzelnen Bände sind auf der Homepage der JungslavistInnen unter der Adresse http://www.uni-tuebingen.de/uni/nss/jungslav/domstran.html einzusehen.

Darüber hinaus ist geplant, Links zu den Zusammenfassungen der Artikel der Sammelbände (ab dem JungslavistInnen-Treffen Blaubeuren 1998) einzurichten. Die nächste Tagung wird Ende September 2000 an der Universität Halle-Wittenberg stattfinden.

Florence Maurice & Imke Mendoza: VIII. JungslavistInnen-Treffen (München, 1.-3. Oktober 1999). In: Zeitschrift für Slawistik 45 (2000) 2, 234–237.

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