9. JungslavistInnen-Treffen 2000 in Halle und Wittenberg

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IX. JungslavistInnen-Treffen 2000 in Halle und Wittenberg

Linguistische Beiträge zur Slavistik. IX. JungslavistInnen-Treffen Halle a. d. Saale / Lutherstadt Wittenberg 2000. Hg. Thomas Daiber. München: Sagner 2002 (= Specimina Philologiae Slavicae 135). 251 Seiten. ISBN 3-87690-826-4.

Name Titel Seite
Thomas Daiber Vorwort 3
Tanja Anstatt Die Quantelung des zweiten Arguments im Russischen: Der Typus s”est’ jabloko – poest’ supu 7–30
Thomas Daiber Thesen über die Metapher als Prädikation und Illokutionstyp 31–54
Ursula Doleschal »Super sexy Mici« oder das Phänomen der Unflektierbarkeit in den slavischen Sprachen 55–66
Robert Hammel Zur Intonation spontaner und laut gelesener Äußerungen 67–96
Edgar Hoffmann Werbung, Sprache und Kultur 97–116
Uwe Junghanns Klitische Elemente im Tschechischen: eine kritische Bestandsaufnahme 117–150
Marion Krause Kulturell verankerte Begriffe und Konnotationen: empirische Befunde aus dem modernen Russland 151–168
Holger Kuße Angemessenheit als Maxime, Die Sprechakte Loben und Preisen und die Liturgie der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche (Církev Ceskoslovenská Husitská) 169–191
Anke Levin-Steinmann Überlegungen zum Sinn und den Erfolgsaussichten des Ustawa o języku polskim 193–214
Andreas Späth Zu Fokus und Negation als Präsuppositionsauslöser. Am Beispiel tschechischer und deutscher Sätze. 215–234
Monika Wingender Standardsprache und Sprachpolitik - Das Beispiel der Bundesrepublik Jugoslawien 235–249

Tagungsbericht von Thomas Daiber

Vom 29. 9. bis 3. 10. 2000 fand das neunte Treffen der Jungslavistinnen und Jungslavisten statt. Der slavistische Teil des Rahmenprogramms konzentrierte sich auf Slavica in den Franckeschen Stiftungen zu Halle, Tagungsort war die Stiftung Leucorea in der Lutherstadt Wittenberg. Die auf den jährlich veranstalteten Treffen gehaltenen Vorträge zur slavistischen Linguistik werden von dem jeweiligen Organisator der Zusammenkunft in einem Sammelband herausgegeben.

Uwe Junghanns stellte im Rahmen einer minimalistischen generativen Grammatik »Clitic Climbing im Tschechischen« dar. Clitic Climbing ist die Bewegung eines klitischen Elementes (cl) innerhalb einer komplexen Domäne aus der Einbettung in die Matrix. Anders als in früheren Vorschlägen (z. B. Toman 1999) wird zur Erklärung des Phänomens nicht ein abstraktes bewegungsauslösendes Merkmal postuliert, sondern eine Reihe von restringierenden Bedingungen herausgearbeitet: (i) die Infinitheit der Einbettung als notwendige Voraussetzung sowie (ii) eine geeignete syntaktische Kopfkategorie als Zwischenlandeplatz und (iii) die informationsstrukturelle Separierung von cl und Rest der Infmitiveinbettung. Dieser Ansatz gestattet es, die tschechischen Daten systematisch und angemessen zu erfassen.

Andreas Späth untersuchte in seinem Beitrag »Wahrheitsbedingungen und Informationsstruktur (im Vergleich der slavischen Sprachen mit dem Deutschen)« den spezifischen Anteil von Nominalphrasen (DPs) an den Wahrheitsbedingungen von Sätzen im Vergleich der slawischen Sprachen mit dem Deutschen. Es zeigt sich, dass die systematische Artikellosigkeit slawischer Sprachen im Vergleich zum Deutschen zu unterschiedlichen Skopus-Lesarten führen kann. Analog dazu bedienen sich die konfrontierten Sprachen spezifischer Mechanismen der Negation, wodurch die semantische Repräsentation von Sätzen in Abhängigkeit vom Sprachsystem einen unterschiedlichen Grad an semantischer Unterspezifiziertheit erhält.

Der Vortrag von Tanja Anstatt trug den Titel »Die Quantelung des zweiten Arguments im Russischen: Der Typus s”est’ jablokopoest’ supu«. Gegenstand sind aktional ambige Verben, die erst in Kombination mit bestimmten Arten von Objekten auf die Bedeutung ›telisch‹ oder ›atelisch‹ festgelegt werden und je nach dieser auch unterschiedliche Aspektpartner aufweisen. Es werden die verschiedenen, theoretisch möglichen Kombinationen von Aspektformen (etwa el, poel, s”el) mit Objekttypen (jabloko, tri jabloka, jabloki, sup, supu, tarelka supa etc.) durchgespielt und aus deren (Un-)Zulässigkeit vier grundsätzliche, semantisch erklärbare Modelle abgeleitet.

Elisabeth Seitz sprach über »Multidimensionale Registeranalyse auf der Basis ukrainischer und russischer digitaler Textcorpora«. Die multidimensionale Registeranalyse (MDA) ist eine computergestützte und corpusbasierte Methode, frequentielle und kollokationale Charakteristika von Texten zu ermitteln und sie Typen von Registerprofilen zuzuordnen. Die Registergebundenheit bestimmter sprachlicher Verfahren und textueller Phänomene ist auch über die Grenzen historischer Einzelsprachen hinweg nachweisbar, was im vorliegenden Beitrag durch die Einbindung russischer und ukrainischer Daten in das Framework der MDA nach Douglas Biber gezeigt wird.

Ursula Doleschal behandelte in ihrem Vortrag mit dem Titel »›Super sexy Mici‹ und andere Irritationen des morphologischen Systems oder das Phänomen der Unflektierbarkeit in den slawischen Sprachen« das Fehlen von Flexion bei Wörtern, die flektierenden Wortarten angehören. Unflektierbarkeit ist ein Phänomen, das in den slawischen Sprachen (untersucht wurden Russisch, Polnisch, Slowakisch, Tschechisch, Slowenisch, Serbisch) zwar wenige Wörter betrifft, einige davon aber in einer systematischen Weise, wie z. B. alle Substantive, die auf /u/ enden im Russischen oder Polnischen. Es stellt sich die Frage, ob es sich bei Unflektierbarkeit um Sprachwandel im Sinne der »Tendenz zum Analytismus« handelt. Es wird gezeigt, dass das Auftreten von Unflektierbarkeit zumeist durch die Norm begünstigt ist und keine Entwicklung des Sprachsystems darstellt.

Edgar Hoffmann (»Werbung – Sprache – Kultur«) unternahm den Versuch, die Spezifik von Werbung, Werbekommunikation und Werbesprache im Russischen in der Interaktion von Kultur und Sprache in einem werbediskursiven Rahmen darzustellen. Dabei wird der kulturelle Kontext als bestimmendes Moment gesehen. Kulturelle Besonderheiten (»Schlüsselkonzepte«) bilden ungeachtet aller werblichen Globalisierungsphänomene den Ausgangspunkt für die Betrachtung von Text und dessen Modifikation im situativen Kontext.

In »Überlegungen zum Sinn und zu den Erfolgschancen des ›Ustawa o języku polskim‹« setzte sich Anke Levin-Steinmann mit dem am 7. 5. 2000 in Polen in Kraft getretenen Sprachgesetz auseinander. Das Hauptziel der Darstellung besteht darin, die in dem Gesetz formulierten Forderungen in Bezug auf ihre Notwendigkeit und Umsetzbarkeit hin zu überprüfen und im Ergebnis sein »Schicksal« vorauszusagen.

Im Mittelpunkt des Beitrages »Sprachpolitik in Serbien« von Monika Wingender stehen die sich derzeit in der serbischen Standardsprache abzeichnenden Umbauprozesse. Als Materialgrundlage dienen die in sprachwissenschaftlichen Monographien und Zeitschriften geführten Normdiskussionen sowie die in neueren Grammatiken und Wörterbüchern vertretenen Normvorstellungen. Zur Charakterisierung der aktuellen Sprachsituation in Serbien werden auch die Standardisierungsentwicklungen in Bosnien und Herzegowina berücksichtigt.

Der Beitrag von Marion Krause war an der Schnittstelle zwischen Diskurslinguistik, Kulturwissenschaft und Landeskunde angesiedelt. Unter der dem Titel »Kulturell verankerte Begriffe und Konnotationen: empirische Befunde aus dem modernen Russland« wird in Textanalysen die Kontextualisierung der Begriffe Arbeit und Familie unter älteren Landfrauen untersucht und der Versuch unternommen, die semantische Belegung der Begriffe zu bestimmen.

In seinem Vortrag »Zur Intonation gesprochener und gelesener Texte« lässt Robert Hammel einen der spontanen gesprochenen Sprache entnommenen Redebeitrag von anderen Sprechern nachträglich vorlesen und untersucht die intonatorischen Unterschiede zwischen beiden Textvarianten.

Holger Kuße sprach über »Angemessenheit als Maxime, die Sprechakte Loben und Preisen und die Liturgie der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche (Cirkev československá Husitská)« und weist am Beispiel der Liturgien der 1920 gegründeten tschechoslowakischen hussitischen Kirche auf, wie in den liturgischen Sprechakten des Lobens und Preisens die (als Ergänzung der Griceschen Konversationsmaximen gedachte) Maxime der Angemessenheit erfüllt wird. Nach einer Diskussion ihrer Sprechaktkriterien folgt die Beschreibung von Loben und Preisen in den Liturgien der CČSH (1923, 1939, 1992), die zeigt, wie den Sprechakten ein der immanenten und anthropologisch orientierten Theologie der CČSH angemessener Ausdruck darin gegeben wird, dass die Gegenstände des Lobens und Preisens weniger in heilsgeschichtlichen Zusammenhängen, als vielmehr in der Schöpfung, Geschichte und Morallehre gesucht werden.

Thomas Daiber (»Thesen über die Metapher als Prädikation und Illokutionstyp«) bestimmt die Metapher aufgrund ihrer Prädikationsstruktur und der Struktur des zu jeder Metapher gehörigen Vergleiches als synthetisches Urteil, welches, mit den Worten Kants, allgemeine Beistimmung zu einem subjektiven Urteil heischt, wodurch sich die Metapher als besonderer Illokutionstyp auszeichnen lässt.

Andrea Schellers Vortrag »(iron.) – Ironie im Lexikon? Ein Beitrag aus lexikographischer Sicht« zielt in unironischem Sinne auf die Frage, welche sprachlichen und außersprachlichen Mechanismen Ironie bewirken. Anhand unmotivierter lexikographischer Kennzeichnungen wird dargestellt, dass Erklärungsversuche des Ironiephänomens auf lexikalischer Ebene keinesfalls ausreichen, sondern sprachliche Ironiesignale in Relation zu bestimmten Sprechereinstellungen zu sehen sind, die in der lexikographischen Beschreibung Berücksichtigung finden müssen.

Das nächste Treffen der Jungslavistinnen und Jungslavisten findet im Mai 2001 in Berlin statt.

Thomas Daiber: IX. Treffen der Jungslavistinnen und Jungslavisten in Halle und Wittenberg. In: Zeitschrift für Slawistik 46 (2001) 2, 221–223.

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