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XXVI. JungslavistInnen-Treffen 2017 in Bamberg

vom 6. bis 8. September 2017 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Gehaltene Vorträge

Name Titel
Petr Biskup Subjunktivsätze im Slavischen
Hagen Pitsch Bulgarische Tempusformen: Ein kompositionaler Versuch
Alisa Müller Methodische Probleme einer Linguistic-Landscapes-Analyse mit Beispielen aus Minsk
Teodora Radeva-Bork Warum Psycholinguistik im Slavischen?
Irenäus Kulik Clitic Climbing im Tschechischen, Slovenischen und Polnischen: Ein Vergleich
Ivana Lederer Sind wir u gradu Bambergu oder u gradu Bamberg? – Appositionen im Kroatischen
Anastasia Bauer Wenn ›du‹ nicht du bist: Eine Korpusstudie zum Gebrauch der unpersönlichen 2sg in slavischen Sprachen
Katrin Schlund Zur Prädikatssemantik von adversativen Impersonalen/Elementarkonstruktionen
Marianna Novosolova Perlokutionen in Skandaldiskursen
Veronika Wald Verbstrukturen im russisch-deutschen Sprachkontakt: Analyse der Testergebnisse der Kontrollgruppe in Russland
Martin Henzelmann Das Tschechische im Lichte der kognitiven Linguistik: Ein thematischer Überblick
Daniel Bunčić Wie entstehen diakritische Zeichen?
Anna-Maria Meyer Was ist Armeeslavisch?

Tagungsbericht von Anna-Maria Meyer

2017 fand das JungslavistInnen-Treffen erstmals an der Universität Bamberg statt. 13 Jung­slavistInnen kamen vom 6. bis 8. September zusammen, um sich gegenseitig ihre aktuelle Forschung zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Die Tagung umfasste ein breites synchrones wie diachrones Themenspektrum mit Vorträgen zur generativen Grammatik, Morphologie, Syntax, Pragmatik, Spracherwerbsforschung, kognitiven Linguistik, Schriftlinguistik und Soziolinguistik. Ost-, west- und südslavische Sprachen waren dabei gleichermaßen vertreten. Neu aufgenommen in den Kreis der JungslavistInnen wurden in diesem Jahr Alisa Müller (Bamberg) und Veronika Wald (Regensburg).

Der Vortrag »Subjunktivsätze im Slavischen« von Petr Biskup (Leipzig) analysierte slavische Subjunktivsätze, die von volitionalen Verben wie choteť eingebettet sind. Es wurden vor allem zwei Eigenschaften der Subjunktivsätze diskutiert, ihre temporale Abhängigkeit vom Hauptsatz und die disjunkte Referenz des Subjekts des Subjunktivsatzes und des Subjekts des Hauptsatzes (Obviation). Es wurde gezeigt, dass die vorgeschlagene Analysemethode im Gegensatz zu den meisten bisherigen Ansätzen auch geschwächte Obviationseffekte analysieren kann.

Hagen Pitsch (Göttingen) gab in seinem Vortrag »Bulgarische Tempusformen: ein kompositionaler Versuch« einen Überblick über die traditionell für das Bulgarische beschriebenen Tempora (inkl. »Renarrativ«, »Konklusiv« usw.) und versuchte, diese mit einheitlichen morphosyntaktischen und semantischen Mitteln möglichst ökonomisch zu erfassen. Hierfür erweist sich das binäre Zeitstufenmerkmal [±Past] in Verbindung mit zwei semantischen Zusätzen und einer einheitlichen Perfekt-Komponente als hinreichend.

Alisa Müller (Bamberg) stellte in ihrem Vortrag methodische Probleme von Linguistic-Landscapes-Analysen – der Analyse von Schrift im öffentlichen Raum – vor und illustrierte sie mit Beispielen aus Minsk. Sie beschrieb eine mögliche Lösung dieser Probleme über einen textlinguistischen Ansatz, der eine linguistisch fundierte und damit strukturierte Betrachtung von Schrift im öffentlichen Raum ermöglicht.

Der Vortrag von Teodora Radeva-Bork (Potsdam) »Warum Psycholinguistik im Slavischen?« diskutierte aktuelle Forschungsergebnisse aus der slavischen Psycholinguistik und deren Bedeutung für die allgemeine Sprachwissenschaft. Der Fokus lag auf 1) spezifisch slavischen Phänomenen, die zu aktuellen Debatten in der allgemeinen (Psycho)linguisk beitragen, z. B. Relative Clause Attachment-Ambiguitäten oder Kongruenzfehler (Agreement Attraction Errors), und 2) der empirischen Überprüfung allgemeiner Theorien, u. a. A-chains, Unique Checking Constraints sowie der lexikalischen vs. grammatischen Zuordnung von Kategorien.

Irenäus Kulik (Göttingen) berichtete über Clitic Climbing im Tschechischen, Slovenischen und Polnischen. Ein Vergleich sowohl der Syntax als auch der Semantik grundlegender Konstruktionen legte die gleichartige Funktionsweise von Clitic Climbing in den drei Sprachen offen. Der Befund stellte die an anderen Stellen vertretene typologische Sonderstellung des Polnischen infrage.

In ihrem Vortrag »Wenn ›du‹ nicht du bist: eine Korpusstudie zum Gebrauch der unpersönlichen 2sg in slavischen Sprachen« sprach Anastasia Bauer (Köln) über Konstruktionen des Typs ego ne ubediš’, die in der Slavistik »verallgemeinert-persönlich« genannt werden. Mit einer Parallelkorpus-Analyse zeigte sie, welche Konstruktionen in anderen slavischen Sprachen zur Wiedergabe des Inhalts der 2sg im Russischen verwendet werden. Die Alternativstrategien sind vor allem generische Nomina, Reflexivpronomen oder Modalkonstruktionen.

Ivana Lederer (Gießen/Bamberg) widmete ihren Vortrag »Sind wir u gradu Bambergu oder u gradu Bamberg? – Apposition im Kroatischen« dem Phänomen der Inkongruenz bei der traditionell verstandenen Apposition, das nicht nur im Kroatischen, sondern auch im Polnischen zu beobachten ist und sich in Online-Korpora nachweisen lässt.

Im Fokus des Beitrags von Katrin Schlund (Heidelberg) stand die Semantik der Prädikate in sogenannten Adversativen Impersonalen/Elementarkonstruktionen (Typ Nebo zavoloklo tučami). Dabei erwies sich die kausative Ereignisstruktur der Konstruktion als zentrales semantisches Merkmal. Die bekannten Aspekt- und Tempuseigenschaften von Elementarkonstruktionen (Tendenz zu perfektivem Aspekt und Präteritum) ließen sich aus dieser Perspektive als logische Epiphänomene der kausativen Struktur erklären.

Marianna Novosolova (Dresden) berichtete über Perlokutionen in Skandaldiskursen. Die Annahme, dass skandalöse Kommunikation einen besonderen Diskurstyp bildet, lässt sich anhand mehrerer typologischer Merkmale von Skandaldiskursen zeigen. Perlokutivität ist ein solches Merkmal. Am Beispiel eines aktuellen politischen Skandals wurde veranschaulicht, dass die Kommunikation zwischen allen aktiven Skandalaktanten als eine komplexe Handlung mit besonderen Intentionen, ihren Vollzügen (sprachlichen Realisierungen) und Folgen und damit als ein perlokutives Handeln betrachtet werden muss. Dabei sind die ihren Formen nach illokutiven Sprechakte (wie z. B. behaupten, befehlen, besprechen usw.) prinzipiell als beabsichtigte Perlokutionen (wie verärgern, drohen, beleidigen usw.) anzusehen.

Veronika Wald (Regensburg) stellte das Thema der Valenzänderung bei russischsprachigen HerkunftssprecherInnen in Deutschland vor und zeigte, dass die russische Herkunftssprache einige strukturelle Besonderheiten aufweist, die im Standardrussischen nicht zu finden sind. Am Ende wurden die Ergebnisse der ProbandInnengruppe aus Russland präsentiert, bei denen Valenzmuster auch einige unerwartete Variationen enthalten.

Martin Henzelmann (Dresden) gab einen thematischen Überblick über die tschechische Sprache im Rahmen der kognitiven Linguistik. Nach einer kurzen Präsentation des theoretischen Hintergrundes wurde in dem Beitrag aufgezeigt, welche Ansätze es bislang gibt, um das Tschechische in der Forschungstradition zu verorten. Im Wesentlichen wurde festgestellt, dass es einen gewissen Nachholbedarf gibt, um aktuellen Fragestellungen anhand von Studien zum Tschechischen gerecht zu werden. Zusammenfassend wurden sieben Thesen vorgestellt, die für die Gesamtproblematik sensibilisieren sollten und die aufzeigten, welchen Bedarf es an weiterführenden Untersuchungen gibt.

Mit seinem Vortrag »Woher kommen diakritische Zeichen?« versuchte Daniel Bunčić (Köln) an slavischen Beispielen zu belegen, dass Diakritika nie ›aus dem Nichts‹ entstehen, sondern stets eine ›Etymologie‹ haben: Entweder sind sie in Form und Funktion aus einer anderen Sprache entlehnt, oder sie sind ikonisch oder entstehen aus Buchstaben(teilen) oder Tilgungszeichen.

In ihrem abschließenden Vortrag suchte Anna-Maria Meyer (Bamberg) eine Antwort auf die Frage: »Was ist Armeeslavisch?«. Auf der Grundlage von Fachliteratur aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, literarischen Zeugnissen und originalem Sprachmaterial vom Anfang des 20. Jhs. arbeitete sie heraus, dass es sich beim Armeeslavischen um eine deutsch-slavische gemischte Substandardvarietät handelt, die von den Soldaten und Offizieren des k.u.k. Heeres im Zeitraum von ca. 1868–1918 gesprochen wurde und über ein niedriges Prestige sowie einen hohen Grad an Expressivität verfügte.

Anna-Maria Meyer: Tagungsbericht zum 26. JungslavistInnen-Treffen am Institut für Slavistik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 06.–08.09.2017. Zeitschrift für Slawistik 63 (2018) 1, 172–174.
DOI:10.1515/slaw-2018-0009

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