17. JungslavistInnen-Treffen 2008 in Frankfurt am Main

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XVII. JungslavistInnen-Treffen 2008 in Frankfurt am Main

Tagungsbericht von Beatrix Kreß und Sabine Borovanská

Zum 17. Mal jährte sich das Treffen der Gruppe der JungslavistInnen, zu der DoktorandInnen, HabilitandInnen, PrivatdozentInnen und ProfessorInnen der slavistischen Sprachwissenschaft gehören. Die Tagung fand in den Räumlichkeiten des Slavischen Seminars Frankfurt am Main statt. Seit 1992 finden sich im Rahmen dieser Treffen Slavisten aus unterschiedlichen linguistischen Forschungsrichtungen zusammen. Die Themenschwerpunkte reichen von der synchronen und formalen Linguistik über die Didaktik und Semantik bis zur pragmatischen und kulturwissenschaftlichen Sprachwissenschaft. Seit dem 15. Jahrestreffen vom 28.-30. September 2006 in Bochum werden die Beiträge in der Zeitschrift für Slawistik veröffentlicht. Die Publikationen zum JungslavistInnen-Treffen in Bochum wurden von Karin Tafel (Bochum) betreut, Holger Kuße und Claudia Woldt (Dresden) besorgten die Sammlung der Veröffentlichungen zum 16. Treffen vom 20.-22. September 2007 in Dresden. Die 12 Beiträge zum 17. Treffen in Frankfurt am Main werden von Beatrix Kreß (Hildesheim/ Frankfurt am Main) und Sabine Borovanská (Frankfurt am Main/Dresden) gesammelt.

Auf dem Frankfurter Treffen betrachtete Natalia Brüggemann (Hamburg) unter dem Titel »Zur semantischen Affinität zwischen transitivem Verb und Substantiv in Objektposition. Eine Auswertung russischer Assoziationswörterbücher« die Kategorie der Transitivität im Assoziationsexperiment. Auf der Grundlage von 150 transitiven Verben aus russischen Assoziationswörterbüchern wird gezeigt, wie unterschiedlich die assoziative Transitivität ausgeprägt ist und von welchen Faktoren die hohe Assoziationsstärke des Akkusativobjektes als erste Reaktion auf ein transitives Verb abhängt. Die assoziative Transitivität wird vor dem Hintergrund der semantischen Affinität zwischen zwei Einheiten - in diesem Fall zwischen einem transitiven Verb und seinen Objekt - betrachtet, daher wird besonders auf das reversible Verhältnis zwischen diesen Einheiten eingegangen.

Zur semantischen Affinität zwischen transitivem Verb und Substantiv in Objektposition. Eine Auswertung russischer Assoziationswörterbücher.
Zeitschrift für Slawistik 55 (2010) 2, 191–205.
doi:10.1524/slaw.2010.0015

Als Beitrag zur formalen Linguistik beschäftigten sich Dorothee Fehrmann und Uwe Junghanns (Leipzig) in ihrem Vortrag mit Subjektrealisierungen. Unter dem Titel »Zur Realisierung von Subjekten im Russischen und Polnischen« liefern sie zunächst Evidenz gegen die pro-drop-Analyse referentieller Subjektlücken im Ru (vs. Po, Cz). Für markante, nichtsdestotrotz in der Literatur kaum behandelte Verb-Subjekt-Inversionen (VSI) entwickeln sie eine Analyse, die voneinander unabhängige syntaktische Bewegungen des Verbs und des Subjekts vorsieht. Die Unterschiede zwischen Ru, Po, Cz bezüglich VSI werden auf Eigenschaften der Systeme schwacher Pronomina zurückgeführt.

Ebenfalls formallinguistisch war der Vortrag von Ljudmila Geist (Stuttgart) »Spezifizität als ein ›Point of View‹-Phänomen« ausgerichtet. Sie untersucht das universelle Phänomen der Spezifizität, das neben der Definitheit eine weitere Facette der Referenz eines Nomens beschreibt. Indefinitpronomina der -nibud’, -to und koe-Reihe im Russischen werden in der Literatur oft als Marker der Spezifizität/Nicht-Spezifizität angesehen. Anhand der Analyse der Distribution dieser Indefinitpronomina zeigt Ljudmila Geist, dass die Sicht auf Spezifizität als Unterscheidung »+/– spezifisch« nicht ausreicht, um die Distribution dieser Pronomina zu beschreiben. Als Alternative diskutiert sie das Konzept der Spezifizität als relative referenzielle Verankerung, nach dem der durch eine Nominalphrase eingeführte Diskursreferent mit dem Sprecher oder einem anderen Point-of-View-Träger im Diskurs verankert wird. Die Spezifizität kann so als ein Point-of-View Phänomen verstanden werden.

Indefinitpronomina im Russischen und Spezifizität.
Zeitschrift für Slawistik 55 (2010) 2, 206–221.
doi:10.1524/slaw.2010.0016

Unter dem Titel »Comprehensibility und intelligibility: Fehlertoleranzen in der mündlichen Kommunikation« stellte Marion Krause (Wien) Ergebnisse einer Pilotstudie vor, die sie an der WU Wien gemeinsam mit Harald Loos konzipierte. Die Untersuchung erfasste und analysierte die Bewertung von Videoaufnahmen studentischer Präsentationen (Russisch als Fremdsprache) durch Muttersprachler/innen. Zwei Ergebnisse der Studie wurden im Vortrag näher beleuchtet. Zum Einen wurde die Diskrepanz zwischen der im Durchschnitt niedrigeren Bewertung der sprachlichen Diskriminierbarkeit (intelligibility) und der höheren Bewertung der inhaltlichen Verständlichkeit (comprehensibility) aufgezeigt; sie verweist auf den aktiven, kooperativen Beitrag von Muttersprachler/innen in der Kommunikation mit Nichtmuttersprachler/ innen. Zum Anderen wurde die Toleranz der Muttersprachler/innen gegenüber sprachlichen Abweichungen auf verschiedenen linguistischen Ebenen analysiert. In der untersuchten mündlichen Kommunikation wurde Betonungs- und Aussprachefehlern das größte Störpotenzial zugewiesen. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, der Ausbildung lautsprachlicher Kompetenzen und ihrer Bewertung einen hohen Stellenwert in der Sprachausbildung beizumessen.

Eine fremdsprachendidaktische Perspektive nahm Christof Heinz (Wien) mit seinem Vortrag »Markiertheitsthese und fremdsprachliche Rezeption« ein. Gegenstand des Beitrags ist die Markiertheitsthese (Markedness Differential Hypothesis), die zur Vorhersage von zu erwartenden Schwierigkeiten beim Erwerb der ersten (L2) bzw. weiterer Fremdsprachen (L3 – Ln) und zur Festlegung der Transferwahrscheinlichkeit aus bekannten Sprachen (L1 oder L2) dient. Dabei relativiert die Markiertheitsthese den Begriff der Schwierigkeit, indem sie die Erwerbsrichtung miteinbezieht. Die hier vertretene These geht jedoch davon aus, dass die Erwerbsrichtung allein zur Voraussage von Transfer- und Fehlerwahrscheinlichkeit nicht ausreichend ist, sondern dass zusätzlich die Verarbeitungsrichtung (Produktion oder Rezeption fremdsprachlicher Äußerungen) in die Formulierung der These miteinbezogen werden muss. Anhand von Beispielen aus slavischen Interkomprehensionstests wird versucht zu zeigen, dass in der bisherigen Formulierung eine einseitig produktionsorientierte Sichtweise vorherrscht, und dass sich bei der Sprachrezeption die Verteilung der Schwierigkeit in ihr Gegenteil verkehrt.

Markiertheitsthese und fremdsprachliche Rezeption am Beispiel slavischer Sprachen.
Zeitschrift für Slawistik 55 (2010) 2, 222–240.
doi:10.1524/slaw.2010.0017

Claudia Woldt (Dresden) hielt einen Vortrag mit dem Titel »Metasprache in der tschechischen Sprachberatung – Sprachbewusstsein und seine Reflexe in Laienanfragen und Expertenantworten«, in dem sie sich an der Schnittstelle von Linguistik und Laienlinguistik mit Texten aus der Sprachberatung beschäftigt, die von unterschiedlich ausgeprägtem Sprachbewusstsein zeugen. Neben dem Versuch einer Begriffsbestimmung (Sprachbewusstsein vs. Sprachgefühl, Sprachreflexion, Spracheinstellung) widmet sich der Beitrag in diesem Rahmen der Frage nach dem jeweiligen Verständnis von sprachlicher Richtigkeit (präskriptiv vs. normativ), das sich an der Verwendung typischer sprachlicher Mitteln zeigen lässt.

Metasprache in der tschechischen Sprachberatung – Sprachbewusstsein und seine Reflexe in Laienanfragen und Expertenantworten.
Zeitschrift für Slawistik 55 (2010) 2, 176–190.
doi:10.1524/slaw.2010.0014

Einer sprechakttheoretischen Fragestellung widmete sich Sabine Borovanská (Frankfurt am Main/Dresden) in ihrem Beitrag »Überlegungen zur ironischen Verwendung von Entschuldigungen (dargesttelt an russischen und tschechischen literarischen Beispielen)«. Versteht man Ironie als »das Gegenteil von dem sagen, was man meint« oder »etwas anderes sagen, als man meint« stellt sich die Frage, was mit einer ironisch verwendeten Entschuldigung ausgedrückt wird: Unhöflichkeit, eine Beleidigung oder auch ein Vorwurf? Anhand von literarischen Belegen aus dem Russischen und Tschechischen wird dieser Frage nachgegangen.

Überlegungen zur ironischen Verwendung von Entschuldigungen (dargesttelt an russischen und tschechischen literarischen Beispielen).
Zeitschrift für Slawistik 55 (2010) 2, 160–175.
doi:10.1524/slaw.2010.0013

Eine interkulturelle Perspektive nahm Marina Scharlaj (Dresden) ein: »Kleine Reibungen – große Wirkungen. Lakunen interkultureller Unternehmenskommunikation« beschreibt an einem konkreten Beispiel aus der deutsch-ukrainischen Unternehmenskommunikation, welche Theorien und Modelle für die Beschreibung interkulturellen Handelns geeignet sind. Die Gegenüberstellung von der gegenständlichen und funktionalen Gliederung der Kultur korrelierte mit dem Vergleich zweier Modelle interkultureller Kommunikation (Kulturstandardtheorie von Thomason und Lakunen-Modell von Ertelt-Vieth) und führte zur Schlussfolgerung, dass das Lakunen-Modell für die Analyse der Konfliktfälle effizienter ist.

Einen kulturwissenschaftlichen Vortrag hielt Katharina Klingseis (Wien) unter dem Titel »Der ›Mythos‹ des ›guten Geschmacks‹. Fragmente einer Analyse des aktuellen Kleidungs-Diskurses in zwei russischen Städten«. Der »gute Geschmack« als noch immer relevante Kategorie der Kleidungspraxis in Russland wirft die Fragen auf, warum hier auf eine Norm rekurriert wird, während andere postmoderne Gesellschaften Normen weit von sich weisen, in welchen Vorstellungen diese Norm besteht und wie diese sich aus Diskurs und Praxis der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit erklären lassen.

Der Mythos des ›guten Geschmacks‹. Fragmente einer Analyse des aktuellen Kleidungsdiskurses in zwei russischen Städten.
Zeitschrift für Slawistik 55 (2010) 2, 144–159.
doi:10.1524/slaw.2010.0012

Der Vortrag »Как стать настоящей стервой – Zur Semantik einer neuen russischen Genderposition« von Beatrix Kreß (Hildesheim/Frankfurt am Main) beschäftigt sich mit der Bezeichnung sterva, die seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts einen turbulenten Bedeutungswandel durchläuft vom pejorativen Ausdruck für Frauen, denen ein nicht konformer Lebenswandel unterstellt wird, zur positiv umgewerteten weiblichen Selbstbezeichnung. Der Beitrag zeigt diesen Wandel auf, stellt die Beziehung zu vergleichbaren Phänomenen (etwa engl. bitch, dt. Zicke) her und versucht, anhand der Diskussionsbeiträge in verschiedenen Internetforen das Sprachbewusstsein der Sprachverwender hinsichtlich der Wortbedeutung zu erfassen. Auch neuere Entwicklungen der semantischen Veränderung und somit die Vagheit und Bedeutungsvielfalt von sterva werden anhand dieses Materials dargestellt, wobei die Diskussionen zusätzlich als Reflex auf ein kulturspezifisches Frauenbild angesehen werden können.

Schlüsselkonzepte der russischen Kultur und geschlechtliche Stereotypisierungen: стервизм und гламур.
Zeitschrift für Slawistik 55 (2010) 2, 127–143.
doi:10.1524/slaw.2010.0011

Horst Dippong (Hamburg) stellte in den Mittelpunkt seines Beitrags »Quantitative Aspekte der Verbpräfigierung slavischer Sprachen« zum Einen die Problematik, wie Präfixe in der Einzelfallanalyse konkret zu bestimmen sind, zum Anderen einen systemischen Vergleich der Verb-Präfixe im Russischen, Tschechischen und Slovenischen relativ zu einem Häufigkeits-Wortschatz. Er konstatierte ein hohes Maß an Übereinstimmung in den drei Sprachen sowie eine starke Tendenz, verbale Wurzeln anders anlauten zu lassen als Präpositionen/ Präfixe.

Zeitschrift für Slawistik 54 (2009) 1, 108–110.
doi:10.1524/slaw.2009.0007

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